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Angelikas Rosinen
21.03.2007, 23:44 (Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 20.03.2009 00:16 von madonna.)
Beitrag: #1
Angelikas Rosinen
.
[Bild: 20apift.gif]
online-anthologie


Liebe Gäste, Kollegen, Freunde,

Mit "Rosinen" haben Autoren die Gelegenheit eine Auswahl von Texten aus diesem Forum vorzustellen -
Texte, die ihnen ganz persönlich etwas bedeuten, sie beeindruckt und beschäftigt haben.

Ich wünsche euch allen viel Freude beim Lesen. Es darf kommentiert werden.

Angelika



Angelikas Rosinen aus text-fuer-text

Texte, die mir gefallen - Texte, die mich beeindruckten - Texte, die mich beschäftigten

[Bild: 2m6vqzl.gif]

Lockvogel lautet der Titel von miramis Gedicht und ich hoffe, dass dieser Titel, der mich übrigens verlockte, den Text anzuklicken, dazu verführen möge, meine gesamte Auswahl an Rosinen zu genießen.



Lockvogel

weil es keinen Zweck hat
dich zu hassen Ohrenloser
komm lass dich lieben
schillernder Täuberich
(ja, schmutzig... hach, hach)
ich will dass du fällst
von deinem hohen Dach
ich will dass du fällst
selbstgurrend aus allen Wolken
(und mir wie ein Stein von der Brust)
ich will dass Federn fliegen
und dir der Ring vom Fuß
(dass ich nicht lach)
ich will mit dir fliegen

Ich will dass du
immer-fort bleibst

nimm dich in Acht

© mirami



Nicht weil der nachfolgende Text auch Vögel zum Thema hat, habe ich ihn ausgewählt, sondern weil der Text sowie die sich daran anschließende Auseinandersetzung mit ihm für mich auch etwas von der Besonderheit von text-fuer-text zeigt:



Piktolyrik Nr. 18 (>})

||--`--------------||

kwitt
>}
?

kwitt kwitt
>} >}
!

kwitt witt itt it t ~
||-’-’-’-’-’-’-’-’-’||
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||--´----------------||

© Ludwig Janssen

[Bild: 2m6vqzl.gif]


Glücklicherweise ist hier nur das Fotografieren verboten ;-). Bitte lesen!



Fotografieren verboten

Hermann Halbwachs hat einen Hang zum Parkett, hat genau genommen den Hang zum Glanz des Parketts, in dem er sich verdoppelt und bei gutem Licht sogar verdrei- und vervierfacht, weswegen er vor den großen Fenstern herumtänzelt wie weiland Sisi, unsere Kaiserin, mit der ihn aber nichts verbindet. Ganz und gar nichts, sagt er, nur das Parkett und das sei eine zufällige und nichtsdestotrotz Notwendigkeit, schließlich müsse er ausreichend gesehen werden, sonst könne er sich seine ganze Schönheit in die Haare schmieren. Ich halte ihm mein Mikrofon unter die Füße, weil ich mich an seinem TrippTrapp nicht satt hören kann. Ich brauche sein TrippTrapp für die stillen Stunden. Für die ganz stillen Stunden. Aber geh, der Hermann Halbwachs ist doch nur ein Schmierenkomödiant, sagt Fritzi, seine ehemalige Geliebte, die es jetzt mit dem Requisitenmeister treibt. Das bringt mehr ein, sagt sie, und jünger werden wir doch alle nicht, sagt sie und zwinkert mir zu, als ob wir uns in einem drittklassigen Film befänden. Das tun wir eh, sagt Hermann Halbwachs mit seinerseits boshaftem Blick auf Fritzi, die immer schon zum Film wollte. Leck mich doch am Arsch, du Kasperl, kontert sie, aber Hermann Halbwachs tänzelt bereits wieder vor einem Fenster herum, ein paar Touristen beobachten ihn und seine Parkettspiegelbilder wie gebannt, weswegen ihm der Zwischenbodenkamm schwillt. Schöner Schwanz, sagt eine Touristin aus Bochum, der Mann neben ihr schaut auf den Boden und reibt sich verlegen am Ohrläppchen. Fritzi schürzt ihre Hofdamenröcke, der Mann aus Bochum reibt sich fast das Ohrläppchen ab. Ich halte ihm mein Mikrofon ans Ohr. Die Frau aus Bochum findet das Ohrläppchengeräusch des Mannes aus Bochum sehr erotisch, sagt sie zumindest. Ich glaube ihr nicht, aber das spielt keine Rolle. Hermann Halbwachs muss mal schnell aufs Klo, man möge ihn entschuldigen, Fritzi hat ihn eh schon lang entschuldigt, aber das hat er dann ja noch weniger wollen, sagt sie und ist wieder einmal froh um ihren Requisiteur, der ihr keine so depperten Nummern spielt. An die Fensterflügel gelehnt steht Sisi und steckt sich Blumen ins Haar. Hermann Halbwachs sieht sie, sowie er vom Klo zurückkommt. So ein Saukerl, ruft er und meint den Requisiteur, der Sisi aus der Mottenkiste geholt haben musste. Die Frau aus Bochum ist schon im nächsten Zimmer, der Mann reibt noch immer an seinem Ohrläppchen, in irgendeine sehr, sehr ferne Erinnerung versunken. Gehen Sie doch bitte weiter, mahnt ihn eine Personalstimme. Hermann Halbwachs richtet sich die Kniestrümpfe und zeigt der Sisi an den Fensterflügeln seinen Arsch. Hinter der Personalstimme drängt ein Pulk Japaner und Japanerinnen ins Zimmer, Fritzi legt ihr schönstes Lächeln auf, ich sage: Fotografieren verboten. Hermann Halbwachs streicht sich durchs schmierige Haar: Spielverderberin, sagt er. Wo er Recht hat, hat er Recht, sagt Fritzi. Sisi hat sich aufs Fensterbrett gesetzt und wippt mit dem Fuß, dass der Boden nur so vibriert. Sie weiß, dass mich das ganz verrückt macht. Ich drehe ihnen nach der Reihe den Hals um. Nur den Mann aus Bochum hebe ich mir auf.

© katharina



Annas "Kopf an Kopf" lässt viel Raum zum Nachdenken über Beziehungen.


[Bild: 2m6vqzl.gif]


Kopf an Kopf

die Fremdheit
legen wir
gut sichtbar
zwischen uns

und rühren uns
unser Leben
in kleinen Würfeln
in den Kaffee
mit Schuss

bei einem bleibt es nicht

wir sind gelöst

beim Kuss
zum Abschied
tasten wir uns innig ab
nach Löchern in
den Lügen

© anna




Ja, es ist wohl wahr, man kann über Feldulme streiten, schon allein deshalb, weil er in seiner überschwänglich sprudelnden Textproduktion bisweilen den Leser so trunken schreibt, dass er nicht mehr weiß, was er von alledem halten soll. Trotzdem habe ich es gewagt, hier einen seiner Texte einzustellen. Ich habe sehr genüsslich gelesen, wie er mit seiner DDR umspringt.




du bist meine ddr

dein körper ist die DDR
aus der ich niemals heraus
möchte
es bedarf keiner stasi
nur für die rollenspiele
ich höre mit meinem
rohr in dich hinein
und du dockst mit deiner
wanze an
wie wunderbar
wie wunderbar
nur wir sind ein volk

unter dem honeckerbild
liegen wir
seifen uns mit ata ein
versuchen uns gegenseitig
hallorenkugeln in den mund
zu spucken
und beschmutzen nur unsere
fdj-blusen
wenn alle "seid bereit"
rufen
schauen wir uns an
und flüstern
"jetzt ist es so weit"
und verschwinden
in der clubhaustoilette
oder abbruchhäusern
je nachdem ob
wir läuse oder flöhe in
kauf nehmen

westfernsehen
empfangen wir nicht
pittiplatsch blitzt uns aus
den augen
und wir brummkreiseln uns
so lange bis das bett aussieht
wie ein kessel buntes

du bist meine ddr

© Feldulme




Irgendwie hält mich der Klang von Pauls Gedichten immer wieder mal fest. Woran das liegt, kann ich kaum beschreiben. Ich empfinde seine Gedichte als sehr musikalisch.:



irgendwie

was sind das für tage,
die so milchig trüb,
die so gar nicht tag werden wollen,
die träge und schwer nur dümpeln, schwappen?

der himmel ist verhangen,
die gesichter sind verhangen,
das gemüt –
befangen.

ein rabe huscht schattengleich
über dies leben,
das heute keines werden will.

es ist heute irgendwie celan.

© Paul




Tja und dann gibt es da noch ein anderes, sehr amüsant zu lesendes "Irgendwie", nämlich klaras "irgendwie unbewusste" Hoffnungen bezüglich ihres neu erworbenen Autorenkalenders Smile



kalenderworte

Ich hab mir via Internet einen Autorenkalender bestellt. Als der per Post ins Haus kam, war ich zuerst ein bisschen enttäuscht, weil er so klein ist. In den vergangenen Jahren war ich verwöhnt worden von meinem soliden Din-A-5 „terre-des-femmes“-Kalender. Neben dem wohltätigen Aspekt erschien es wichtig, wenigstens viel Platz zu haben, wenn man so unordentlich ist wie ich und noch dazu eine Sauklaue hat.

Doch ich stellte bald fest, dass in dem halb so großen Büchlein trotzdem alles stehen kann, was ein zünftiger Kalender braucht: Schulferien, Notfallinfos, diverse Links, und allerlei beliebte Zitate speziell für die Zielgruppe, zum Beispiel von Voltaire: „Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.“ À propos langweilig: In dem alten Kalender störten die mehrseitigen, politisch korrekten, internationalen Frauenportraits den Wochenfluss erheblich. Ich kam sowieso nie dazu, sie zu lesen. Gekommen war nur jedes Mal das schlechte Gewissen, wenn ich sie unwillig überblätterte.

Jetzt bin ich froh, den neuen Kalender in der Hand zu halten. Er ist so - handlich. Außerdem weckt er verhuschte Erinnerungen an alte Zeiten, (an denen vermutlich das Schönste ist, dass sie vermutlich vergangen sind): Ich war vierzehn, mein Haar nicht mehr kinderhellblond, sondern straßenköterbraun, und mein Busen nicht vorhanden. Damals hatten alle so ein Ding, sogar Männer, die auf der Höhe der Zeit sein wollten. Wahrscheinlich hofften sie, damit irgendwie später zu kommen. In diesem Punkt stellte der Frauenkalender sich leider bald als nutzlos heraus, aber davon wollte ich ohnehin noch nichts wissen. Ich achtete darauf, dass er möglichst oft zu sehen war, angelte ihn aus der Schultasche, wenn ich das Deutschbuch hervorkramte, so dass er aufs Pult plumpste, oder ließ ihn halb aus der Jackentasche gucken. Wahrscheinlich hoffte ich - "irgendwie unbewusst", wie wir damals gerne mit vieldeutigem Augenaufschlag sagten -, wenn ich einen Frauenkalender hätte, wäre ich bald tatsächlich irgendwie eine Frau.

Und so kam es! Irgendwie.

Vielleicht klappt das mit dem Autorenkalender ja auch.


©klara


[Bild: 2m6vqzl.gif]

madonna hat uns doch tatsächlich eine "Rosine" ihres Schaffens aus dem Jahre 2000 vermacht. Da soll noch einer behaupten, man fände bei uns keine Lyrik in Reime!


Unheil

Stürme toben
Bäume ächzen
auf den Turme
Krähen krächzen
dunkle Wolken
tiefer Himmel
und vom Kirchhof
ein Gebimmel

Unheil !
Unheil !

Katzen kreischen
Hunde bellen
immer höher
schlagen Wellen
und ersäufen
wohl die Ratten
in den River-
Kasematten

Unheil !
Unheil!

In den Häusern
Weiber greinen
unterm Tische
Kinder weinen
Menschlein duck dich
macht dich klein
wirst's wohl nicht
gewesen sein

der die Erde bracht'
zum Wüten
lieber Gott,
tu uns behüten!
dass es aufhört
dieses Beben,
dass den Morgen
wir erleben

Unheil!
Unheil!
Unheil!

© madonna



Morbide Veränderungen stellt uns enrico in seinem Prosatext vor:


Veränderungen

Ich komme mit dem sich darauf einstellen nicht mehr nach, dachte ich, so schnell verändern sich manche Dinge. Was unumstößlich schien, wackelt, und alles wird in Frage gestellt. Nicht nach seinem Sinn, sondern was es kostet. Der letzte Vollsortimenter schloss sein Geschäft im vergangenen Monat und hinterließ uns im Stadtteil zwei Diskonter. In das Herrenfachgeschäft war schon vor einem Jahr ein textiel supers eingezogen. Meine nächste Hose werde ich mir wohl vom Wühltisch aussuchen.
Ich verbinde mit dieser Entwicklung einen Verlust an Individualität. Es gibt Leute, die immer die gleiche Wurst vom gleichen Hersteller essen, weil keine andere angeboten wird – ich möchte wählerisch sein dürfen. Die beim Metzger gekaufte Wurst sei auch immer die gleiche, wandte meine Frau ein und warf mir eine überwiegend negative Einstellung vor. Ich habe ihren Vorwurf nicht verstanden, wo doch gerade die Eintönigkeit des Alltags die entscheidenden Gründe für die Trennung waren, und nicht die sich erst infolge unserer wachsenden Unzufriedenheit ergebenden Streitigkeiten.
Ich war betroffen, als das alteingesessene Haushaltswarengeschäft einen Räumungsverkauf wegen Geschäftsaufgabe ankündigte. Alle Jubeljahre hatte ich dort Defektes und Gebrauchtes ersetzt und mich zwischen Porzellan, Glas und Edelstahl wohl gefühlt. Fünfzig Meter weiter verblieb ein Laden – selbstverständlich mit einem <i>di</i> im Namen –, der immer nur das anbietet, was an Geschirr, Gläsern und Töpfen aktuell verramscht werden muss. Am gleichen Tag fuhr ich an einer Neueröffnung vorbei: <i>Efeu</i>, ein Bestattungsunternehmen mit Tiefstpreisen. Mein Gott, dachte ich. Bislang hatte ich mich mit meiner Beerdigung nicht beschäftigt, dafür war es an Jahren und der allgemein prognostizierten Lebenserwartung noch zu früh. Eine Bestattung kostet fünftausend Euro, wusste ich aus der Erfahrung, meine Mutter zur letzten Ruhe gebracht zu haben. Einem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen ist ein Moment von immenser Dichte und nicht nachzubessern, das rechtfertigte für mich die Höhe der Rechnung. Bei den Tiefstpreisen von Efeu dachte ich an Pappelholzspäne mit Birkenfurnier, was man eben so braucht, um eine Leiche formgerecht in den Ofen zu schieben. Diese respektlose Vorstellung machte mir zu schaffen und rief sogar Empörung in mir hervor. Lebensmittel, Bekleidung und was sonst noch war ich bereit, in Diskontläden zu kaufen, aber keine Beerdigung. Die Tiefstpreise empfand ich wie einen weiteren Verfall der guten Sitten.
Jeden Tag auf fuhr ich dem Weg zur Arbeit an Efeu vorbei und jeden Tag empörte ich mich, aber jeden Tag auch ein bisschen weniger. Als ich schon längst nicht mehr an Tiefstpreise dachte, betrat ich das Bestattungsinstitut. Warum, weiß ich heute nicht mehr, mir war eine Sicherung durchgebrannt und neben dem Bestattungsinstitut gab es ein Elektrofachgeschäft, das einzige weit und breit, in dem ich eine einzelne 50-Ampere-Sicherung kaufen konnte anstelle des Zehnerpacks im Baumarkt, bei dem ich hochgerechnet 156 Jahre alt werden musste, um die Packung aufzubrauchen.
Der Bestatter war dunkel gekleidet und unterschied sich somit nicht von der etablierten Konkurrenz. Seine Stimme war dem Anlass entsprechend unaufdringlich. Er zeigt mir Eichen-, Birken- und Kiefernfurnier, alles auf Spanplatte und schnörkellos, was er <i>schlicht und würdevoll</i> nannte, weißes Leinen, dass nicht wie ein Faltenrock im Sarg ausgeschlagen werden musste – Sie verstehen? Es gäbe sogar Särge von Colani, schwarz und hochglanzpoliert, aber was hat der Verstorbene davon?
Ich stimmte zu. Einen Designersarg müsste man sich rechtzeitig vorher besorgen, damit man auch Freude an ihm hat. Und die Hinterbliebenen finanziell entlastet.
Soweit müsse es erst gar nicht kommen, meinte der Bestatter. Er zeigte auf einen in der Form auffallend schlichten Mahagonisarg. Das ist die <i>Peace-Box</i>, erklärte er, 60 % Altpapier und 40 % Zellulose, wasserdicht, faltbar und auslaufsicher, aufgedämpfte Holzstruktur. Die Emissionswerte seien besser als die von Holz und bei der Feuerbestattung entstünde keine Flugasche.
Das waren überzeugende Argumente. Einen Colani-Sarg für knapp zehntausend Euro konnte ich mir nicht leisten, und wer weiß, wer was für mich aussuchen würde, wenn es so weit war. Ich entschied mich für die <i>Peace-Box</i> in Eiche, weil sie besser zu meiner Einrichtung passte. Der Bestatter wurde plötzlich nervös. Er habe noch nie einen Sarg außer Haus verkauft, ohne Todesfall, wandte er ein, und ich entgegnete, wenn eine Mitnahme nicht möglich sei, mache es keinen Sinn, dass der Sarg faltbar sei. Nach kurzem Zögern willigte der Bestatter ein. Ich vermute, wir hatten zur selben Zeit die gleiche Erkenntnis: Ich würde den Sarg nicht benutzen können, denn ich war weder tot noch gewerblich zugelassen, andere Tote zur letzten Ruhe zu verhelfen. Für den Bestatter ein unverhofftes Schnäppchen.
Ich brachte den Sarg in den Keller zu den anderen Dingen, die ich habe aber im Moment nicht gebrauche. Er passte nicht ins Regal wie der Vorrat an verschiedenen Glühbirnen und Konserven, deshalb entfaltete ich ihn und baute ihn mittig im Raum auf, mit dem Blick auf das Kellerfenster. Nur scheinbar versinkt der Mensch mit dem Sarg im Dunkeln, die Seele hat sich längst zum Licht hin empor geschwungen.
In der Nacht nach dem Kauf schlief ich erstmals wieder unruhig. Meine Frau betrog mich im Traum und ich schaute hilflos gelähmt zu. Es musste ein Traum im Aufwachen gewesen sein, denn ich war darüber noch so wütend, als stünde mir die Trennung unvermeidlich bevor. Meine Fantasie glaubte sich an Szenen aus Büchern und Filmen zu erinnern, in denen das gemeinsame Bett mit Axt und Säge zerlegt wurde. Ich blieb äußerlich ruhig, holte den passenden Schraubendreher und trug die überflüssigen Teile in den Keller. Meine Hälfte des Bettes erwies sich allein als nicht standfest. Das Bett wieder zusammenzuschrauben wäre wie eine Kapitulation vor mir selbst, also trug ich mein Bettzeug ins Wohnzimmer.
Eine Polsterung ist keine Matratze und darum schlief ich schlecht auf der Couch. Morgens sah ich mich dagegen an, mich im halbleeren Schlafzimmer anzukleiden, abends, wenn ich von der Arbeit kam, störte das unaufgeräumte Bettzeug. Ich dachte darüber nach, wo ich den Kleiderschrank im Wohnzimmer aufbauen könnte, bis mir das Absurde meiner Überlegungen bewusst wurde, gleichzeitig aber auch die Lösung: ab in den Keller.
Ich schloss das Schlafzimmer ab.
Es ergab sich von selbst: Ich ging in den Keller, legte das Bettzeug in den Faltsarg und zog mich dann an; wenn ich mich auszog, nahm ich das Bettzeug mit nach oben. Ich lag jetzt immer schon zu den Abendnachrichten im Pyjama. Wenn ich müde war, brauchte ich nur zur Fernbedienung zu greifen und das Glas auf dem Couchtisch abzustellen.
Ich war jetzt häufiger betrunken – nur eine kleine Veränderung zur Maßlosigkeit, eine Grenzüberschreitung ohne die Furcht, mich rechtfertigen zu müssen. Die Zäune um das Grundstück waren unverrückt, aber sie hatten keine symbolische Bedeutung mehr für mich; diesseits bedrückten sie mich ebenso sehr, wie sie mich jenseits ängstigten.
Eines Morgens wachte ich im Keller auf und starrte auf das helle Rechteck. Ich lag enger als im Bett oder auf der Couch. Die Wände des Sarges gaben meinen Armen festen Halt, ohne mich zu bedrängen. Wie praktisch, dachte ich, nie mehr würde ich mich im Schlaf in den Raum zwischen Couch und Tisch rollen und mir den Kopf am Tischbein stoßen. Ich stieg unsicher aus dem Sarg, weil ich mich auf dem Rand nicht abstützen wollte und ich beim Aufstehen hörte, wie das Blut durch den Körper rauschte.
Nach dem Frühstück sah ich klarer. Es gab keinen Grund, mir wegen einer Flasche Wein zuviel Vorhaltungen zu machen, im Gegenteil; scheinbar förderte der Alkohol meine Kreativität und gebar Gedanken, auf die ich nüchtern nicht gekommen wäre. Bis zum Abend hatte ich im Kellerraum eine Doppelsteckdose und einen Antennenabzweig für das Fernsehgerät installiert. Im Wohnzimmer ließ ich die Rolladen herunter und schloss die Tür ab. Später trug ich dann noch einen Sessel nach unten, weil die liegende Stellung zum Fernsehen recht unbequem war – nach einer Viertelstunde schmerzte mir der verbogene Nacken. Vor dem Einschlafen dachte ich auch an die im Wohnzimmer zurück gelassenen Bücher. Sie waren nicht aus der Welt wie die wegen der lästigen Pflege schon längst zu Abfall gewordenen Topfblumen der Fensterbank, sondern auf Distanz, und das war angenehm, brauchte ich mir doch den Kopf nicht weiter zu zerbrechen.
Ich griff nach dem Sargdeckel, der bisher nutzlos auf dem Kellerboden lag. Es war nicht einfach, ihn von innen aufzusetzen. Ich atmete tief durch, schloss die Augen und öffnete sie wieder – die Sicht blieb schwarz, undurchdringlich, es gab nichts mehr. Ich hatte an Panik geglaubt, während ich den Sargdeckel aufsetzte, und verfiel stattdessen in Euphorie.

© enrico



Abschließend möchte ich klaras Ernst vorstellen. Dieses Mal sind es erstaunlich viele Prosa - "Rosinen" geworden, was mich persönlich sehr freut, weil es in text-fuer-text ruhig mehr solcher Texte geben könnte. Sie werden schon auch gelesen, selbst wenn oft behauptet wird, Lyrik werde im Internet eher gelesen.


Ernst

Sein Gesicht ist nicht besonders geeignet zum Lächeln.
Als seine Freundin Chiara ein Baby wollte, hat sie ihm ein Ultimatum gestellt, bevor sie siebenunddreißig wurde. Er hat gesagt, er lasse sich kein Ultimatum stellen, und da ist Chiara gegangen, genau an ihrem Geburtstag.
Die Frauen beißen sich an ihm die Zähne aus, aber er lässt sich nicht verwunden. Er sei sich selbst genug, sagt er, und findet diese Notlüge auch noch originell. „Ich hab meine Kunst, und das reicht mir.“
So kommt er unversehrt aus jeder Geschichte heraus, nur um danach wieder eine neue Frau aufzugabeln, denn ganz ohne kommt auch er nicht aus.
Die Briefe seiner Frauen stapeln sich bei ihm in einer Kiste. In allen Briefen steht dieselbe Geschichte. Die nicht richtig anfängt und deshalb auch nicht richtig aufhören kann.
Ernst macht nur Steine. Und auch darin ist er stur: Wenn eine Idee oder Verarbeitungsart auch nur den Verdacht hat, gefällig zum Trend werden zu können, lässt er die Finger davon. Er trotzt. Seine Werke sind abstrakt, kaum verständlich, aber manchmal macht er trotzdem Frauen. Aus Stein. Ohne Kopf und ohne Arme.
„Steine können sich nicht wehren“, sagt Ernst gern. Er sagt es mit Stolz. Und begründet sein Verhalten mit einer unglücklichen Kindheit (natürlich).
„Es gab nicht viel Liebe bei uns in der Familie.“
Das friss mal. Aber er hat den Satz schon so oft gesagt, zu anderen und zu sich selbst, dass er zum Routinesatz wird: monoton, abgeschnitten von der Erfahrung, die er behauptet. Als wären all die angefangenen Frauen kleine Racheakte, nicht nur legitim, sondern notwendig, mit denen er all das Verweigerte zurückverweigert.
Ernst haut sich Frauen aus Stein, und die Tür zur Werkstatt bleibt zu. Er hat sie abgeschlossen und den Schlüssel weggeworfen oder verloren, das ist das Gleiche. Hin und wieder schaut er durchs Schlüsselloch. Hinter seiner Hintertür wittert er vor sich hin, meißelt und versteinert geistvoll.
Aber seine Steine sind gut. Ein kleiner davon (der einzige mit Kopf, und mit schwangerem Bauch), steht in ihrem Badezimmer, oben auf dem Bord. Ein Geschenk. Sie hat nie gefragt. Meistens steht die Zahnpastatube davor.

© klara
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22.03.2007, 00:58 (Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 20.03.2009 00:17 von madonna.)
Beitrag: #2
Re: Angelikas Rosinen
Danke fürs wagen.
Den Text kannte ich selbst gar nicht mehr Wink
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22.03.2007, 01:27
Beitrag: #3
Re: Angelikas Rosinen
Klasse Sammlung, Angelika, und das sag ich nicht, weil Du eine von meinen alten Kamellen mitausgestellt hast.

Ich habe auch einige Texte darunter gefunden, mit denen ich mich in letzter Zeit sehr gerne auseinandergesetzt habe.

Schön auch wieder Deine Zwischenkommentare.
Man sieht, es ist eine sehr persönliche Auswahl.
Ansprechend aufbereitet das Ganze.

Rosinengenuß für Liebhaber.

madonna
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22.03.2007, 15:27 (Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 20.03.2009 00:18 von madonna.)
Beitrag: #4
Re: Angelikas Rosinen
Oh, dank dir Angelika!
Für die Zusammenstellung.

Ich fühle mich geehrt, gleich zweimal prosaisch erwähnt zu werden. °hüstel° Das ist doch.. das hätte doch abe nicht... das ist doch zu viel der... aaah! Wink

Freue mich sehr.

Liebe Grüße
Klara

klaras musik mit mini-blog:

<a href=http://www.myspace.com/klarasinging>http://www.myspace.com/klarasinging</a>
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22.03.2007, 22:26
Beitrag: #5
Re: Angelikas Rosinen
Liebe Angelika,
schön und interessant und persönlich, wie jede Auswahl hier.

Und ich zeitknappe Textpickerin habe auf diesem Wege noch zwei mir unbekannte Texte kennengelernt!

Danke für Dein Lese- und Auswahlauge!

Manina
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26.03.2007, 00:31
Beitrag: #6
Re: Angelikas Rosinen
Jetzt habe ich "a Sultanine o gschrimm" und swing vor mich hin. Dankeschön, Angelika, auich für die Begründung, die ich gerne teile, auch unter vielen anderen Texten hier...
:)Ludwig
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27.03.2007, 22:30
Beitrag: #7
Re: Angelikas Rosinen
oh, da freu ich mich aber sehr, angelika, dass auch eins meiner gedichte zu deinen rosinen zählt. bedanke mich für die blumen und auch fürs aufmerksammachen auf viele andere rosinen-texte.

mirami
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22.05.2007, 23:03
Beitrag: #8
Re: Angelikas Rosinen
Hallo Angelika,

ich habe erst heute gesehen, dass ich eine Rosine bin. Ich freue mich sehr darüber, für den Text und dass Du ihn ausgewählt hast.

Viele Grüße
Enrico
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